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Veröffentlicht am 29. Juni 2020

Interview: 7 spannende Fakten zum Thema Lernen - Gedächtnis - Vergessen

Stephanie Kurfürst betreibt mit Ihrem Unternehmen “salzburglernt.at” einen Service für Schüler:innen und Student:innen zum Thema Lerncoaching, Lernbetreuung, Nachhilfe - und auch Gedächtnistraining. Genau zu diesem Thema haben wir ihr 7 Fragen gestellt.

1.) Warum merke ich mir Gesichter und Namen sehr gut und rasch - bei Zahlen jedoch bleibt gar nichts hängen?

Ich würde das gar nicht so sehr als “Schwarz-Weiß-Thema” sehen. Vom Gehirn und dessen Struktur lässt sich diese unterschiedlich starke Gedächtnisleistung eigentlich nicht erklären. Außer du hast eine sogenannte “Inselbegabung” - aber das ist absolut selten.

Insofern liegt es eher in der Sozialisierung. Wenn jemandes Mutter z.B. schon von Kindheit an sagt: “Ach - Du und Zahlen…”

Da zeigt sich eine Gesetzmäßigkeit, die ich gar nicht oft genug wiederholen kann: “Mein Gehirn hört auf mich”.

2.) Was macht die Digitalisierung mit unserem Gedächtnis?

Ganz viel. Sie verändert unser Gehirn und dessen Struktur - wir denken und handeln anders.

Früher war Wissen nicht so permanent zugänglich - etwas auswendig zu lernen hatte einen ganz anderen Stellenwert. Wenn ich mir etwas nicht gemerkt habe, war es im schlimmsten Fall “für immer verloren”.

Mit dem geringeren “Training” ist die durchschnittliche Gedächtnisleistung zurückgegangen - dazu gibt es Studien. War früher die durchschnittliche “Übung im Merken” 7 plus/minus 2 Dinge, so ist dieser Wert heute auf 5 plus/minus 2 Dinge zurückgegangen. D.h. wer sich spontan und ohne Vorbereitung 5 Dinge merken kann, liegt heute im Mittelfeld - und wäre früher untere Bandbreite gewesen.

Andererseits schärft die Digitalisierung teilweise auch unser abstraktes Denken. Studien zeigen, dass Kinder in einem Haushalt mit “Alexa” früher deutlich sprechen. Sie wollen der Geräten eben auch Befehle erteilen…

Oder es entstehen so absurde Situationen, dass man Kleinkinder dabei beobachten kann, wie sie beim Fenster hinaussehen und mit Daumen und Zeigefinger versuchen, das “Bild zu zoomen”.

3.) Was passiert, wenn ich in den Keller hinuntergehe, um etwas zu holen - und wenn ich dann unten bin, weiß ich nicht mehr, was…?

Das lässt sich meistens ganz einfach durch zu geringe Verarbeitungstiefe erklären. Das heißt, man hat es zu „oberflächlich“ gedacht oder war dabei abgelenkt, weil man mal wieder am multitasken war. Wer 5 Dinge gleichzeitig tut, der braucht nicht an seiner Gedächtnisleistung zweifeln, wenn er im Keller ankommt und nicht mehr weiß, was er wollte. Er sollte eher seine Vorgehensweise überdenken. Wer sich ganz bewusst damit beschäftigt, was er alles aus dem Keller holen will, der wird sich das auch gut merken können. Mit den richtigen Merktechniken dann erst recht.

4.) Was passiert, wenn mir “etwas auf der Zunge liegt” und es mir trotz größter Anstrengung nicht und nicht einfallen will…?

Das kommt häufig vor, weil Du auf der Suche nach dieser Erinnerung nicht den Weg genommen hast, über den Du das damals abgespeichert hast. Spannenderweise wird es leichter, wenn Du eine Erinnerung zusätzlich über “alternative Wege” abspeicherst.

Zum Beispiel, wenn Du zu einem Gesicht und Namen auch die Situation merkst, Wann und Wo Du diese Person zum ersten Mal getroffen hast. Dann ist es besser verankert. Du musst Dir insofern mehr merken (Speicherplatz ist genug vorhanden) und kannst dafür eine Information dann leichter abrufen.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom “Training der Denkflexibilität”. Das heißt, auch über Umwege zu einer Information in Deinem Gehirn Zugang finden.

5.) Deine Services richten Sich an Schüler:innen. Wären diese nicht auch für Unternehmen und deren Mitarbeiter:innen sehr hilfreich? Oder ist dies aufgrund der unterschiedlichen Altersanforderungen nur bedingt übertragbar?

Doch doch - absolut. Lebenslanges Lernen ist ein wichtiger Teil mentaler Fitness eines Menschen. Das Gehirn läßt sich gut bis ins hohe Alter trainieren und es ist erwiesen, dass es dem Abbau der Gehirnleistung vorbeugen kann.

Für Unternehmen und Ihre Mitarbeiter könnten natürlich auch Dinge wie Schnell-Lesen, Konzentrationstraining und die klassischen Mnemotechniken sehr interessant sein.

Eines sollte klar sein: Lernen IST GLEICH Gedächtnisleistung. Und das gilt auch für alle.

6.) Wie läuft eine Schulung für Gedächtnistraining bei Dir im Unternehmen eigentlich ab?

Es ist alles sehr individuell.

Du kannst in einem Einzeltraining verschiedene Techniken erlernen, um Dein Gedächtnis zu verbessern.

Genau üben wir auch in Gruppen “lernen lernen”.

Ob nun Schüler:innen, Erwachsene oder Senior:innen - eines verbindet alle. Wer will schon lernen…? Wir verbinden das Wort leider meistens mit Schule und Langeweile oder Frustration. Aber das muss nicht so sein! Lernen kann so viel mehr, wenn man weiß wie es geht!

Darum ist es z.B. auch immer wichtig, bei allen Trainings einen Alltagsbezug einzuarbeiten - einen Bezug zum realen Leben. Ein langer Einkaufszettel lernt sich leichter als die ersten 30 Nachkommenstellen der Zahl PI. Aber sogar die kann man mit den richtigen Tricks leicht und lustig lernen! Oder vielleicht kannst Du Dich an das Kinderspiel “Koffer packen” erinnern - ein sehr gutes Gedächtnistraining, und alles andere als trocken…

7.) Könntest Du den geschätzten Jobaktuell-Blogleser:innen evtl. ein kleines “Take-away” mitgeben - eine kurze, leicht in den Alltag integrierbare Übung zum Gedächtnistraining?

Ja - gerne. Lass bei Deinem nächsten Einkauf im Supermarkt den Einkaufszettel weg. Natürlich nicht gleich mit zig Artikeln. Aber 5 - 9 Dinge im Sinne der “vordigitalen Merk-Bandbreite” dürfen es schon sein.

Du kannst es Dir dadurch erleichtern, dass Du die Produkte zu einer kurzen Story verknüpfst z.B.: Du reitest auf einem Pferd, das Du mit einer Karotte nach vorne motivierst, streust ihm Pfeffer auf den Hintern, damit es schneller geht und gibst ihm eine Flasche Weizenbier, bevor es zu röcheln anfängt. Dadurch muss es niesen, und Du putzt ihm die Nase mit einem Taschentuch - und so weiter…

salzburglernt.at